Versicherer jahrelang nicht kostendeckend

13.04.2021 | Fachartikel

In der D&O-Versicherung steigen die Prämien kräftig an. Woran das liegt und wie Makler reagieren sollten, berichtet Arnd Briese, Head of Financial Lines beim Versicherer Markel.

procontra: Große Firmen berichteten jüngst von Beitragserhöhungen in der D&O-Versicherung um mehrere Hundert Prozent. Ist diese Entwicklung ein Spiegelbild für den gesamten D&O-Markt?

Arnd Briese: Definitiv nicht.

procontra: Muss man hier also differenzieren? Wie hoch fallen die Beitragserhöhungen denn wirklich aus?

Briese: Man unterscheidet den D&O-Markt in zwei wesentliche Säulen: zum einen Financial Institutions – das sind dann vor allem Banken und Versicherer, aber auch Krankenkassen und Betriebe von Versicherungsmaklern –, zum anderen Commercial-Geschäft, also produzierende und handelnde Unternehmen. In der ersten Säule sind die Prämien nach dem Banken-Crash 2009 quasi durch die Decke gegangen und seitdem auf einem hohen Niveau geblieben. Die Erhöhungen fallen seitdem aber eher moderat aus, also um etwa 20 bis 30 Prozent alle paar Jahre. In der zweiten Säule gibt es aktuell viele kleine Unternehmen, deren Verträge einfach durchlaufen. Sie erhalten also keine Prämiensteigerungen oder wenn, dann um 10 bis 20 Prozent. Im Mittelstand, also bei Jahresumsätzen zwischen etwa 200 Millionen und 1 Milliarde Euro, sieht es schon anders aus. In diesem Bereich beobachten wir aktuell schon massive Preissteigerungen zwischen 30 und 70 Prozent – je nachdem, ob der Kunde nur in Deutschland, in ganz Europa oder sogar international tätig ist. Völlig verrückt erscheint dagegen, was aktuell bei den Industrierisiken passiert. Hier ergeben sich Anstiege von 500, 700 oder sogar über 1.000 Prozent.

procontra: Was ist die Hauptursache für die enormen Preissprünge in der D&O-Versicherung für Industrierisiken?

Briese: Es hängt viel mit den USA zusammen, wo Klagen grundsätzlich viel teurer sind als hier. Die Risiken steigen einerseits durch direkt versicherte US-Firmen, aber auch durch Nicht-US-Firmen, die ihre Aktien dort zunehmend als American Depositary Receipt, kurz ADR, anbieten. Diese Hinterlegungsscheine ermöglichen es aber jedem US-Aktionär, direkt gegen das Unternehmen zu klagen, verbunden mit den dort unglaublich hohen Anwaltskosten. Das hat das D&O-Geschäft auch bei den deutschen Versicherern in den letzten Jahren immer unprofitabler gemacht, und jetzt müssen einfach die Prämien angezogen werden.

procontra: Große Firmenkunden und Makler klagen teilweise über Kapazitätsprobleme, also dass für manche Policen einfach nicht genug Versicherungssumme eingekauft werden kann...

Briese: Genau. Deckungen von mehreren Hundert Millionen Euro für Neuverträge gibt es zunehmend nicht mehr. Aufgrund der steigenden Risiken reduzieren viele Versicherer ihr Engagement oder ziehen sich sogar ganz vom Markt zurück.

procontra: Wie sollten Makler diese Hiobsbotschaft denn am besten bei ihren Kunden kommunizieren?

Briese: Es ist einfach so, dass die Versicherer jahrelang nicht kostendeckend gearbeitet haben. Wenn man das als Makler beim Kunden überhaupt nicht anmoderiert hat, dann ist die Gesprächsgrundlage schwierig. Ein Argument ist aber sicher, dass die Preissprünge jetzt dafür sorgen, dass es in Zukunft überhaupt noch D&O-Versicherungsschutz in der gewünschten Höhe für Firmen beziehungsweise ihre Manager geben wird. Man sollte auch erwähnen, dass die Kunden in der Vergangenheit großes Glück hatten mit den viel zu niedrigen Prämien. Aber die Parameter haben sich nun komplett gedreht.

Wir glauben nicht, dass D&O-Policeninhaber im Schadensfall gleich ihren Makler verklagen.

procontra: Viele Kunden werden die Entwicklung trotzdem negativ auffassen. Wenn sie nicht mehr genug Deckungssumme bekommen, ist dann im Schadensfall mit Ansprüchen gegen die Vermittler aufgrund der Beratungshaftung zu rechnen?

Briese: Auch als Vermögensschadenhaftpflichtversicherer glauben wir, dass die Anspruchsmentalität hierzulande noch nicht so weit gekommen ist, dass die D&O-Policeninhaber im Schadensfall gleich ihren Anwalt oder ihren Makler verklagen.

13.04.2021 - Fachartikel - Arnd Briese, Head of Financial Lines bei Markel

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